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Die Einschließung des Ausgeschlossenen

Zur »Sinnprovinz« der literarischen Kritik bei Foucault und Luhmann

(Kurzexposé zu einem hypothetischen Forschungsprojekt)


Die Auffassung von Kunst als einer zugleich selbstbestimmten und gesellschaftlichen Größe, als autonomem Vollzug von Gesellschaft ist mithin noch nicht überzeugend umgesetzt worden.[1]

Der Ausgangspunkt der im folgenden angedachten Untersuchung ist die Frage: Wie ist Literatur als Gesellschaftskritik möglich? Diese ein wenig kantisch anmutende Formulierung impliziert zwei fundamentale Einschränkungen:

  1. Sie soll nicht in die häufig frequentierte Falle tappen, einen Phänomen- und Analysebereich zu totalisieren. Die kritische Funktion wird als eine unter vielen denkbaren betrachtet, auf der Grundlage eines – so weit als möglich – sicheren theoretischen Fundaments.[2]
  2. Auf der anderen Seite soll auch den zu dieser Analyse hinzugezogenen Theorieoptionen kein universaler Gültigkeitsanspruch bescheinigt, sondern vielmehr in dessen Begrenztheit eine hierdurch geschärfte Wirksamkeit entfaltet werden.[3]

Diese Bedingungen vorausgesetzt, wäre der literaturtheoretische Befund anhand der begrifflichen und konzeptionellen Angebote Michel Foucaults und Niklas Luhmanns zu reformulieren. Eine solche Arbeit könnte zugleich einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Diskursanalyse Foucaults und die Gesellschaftstheorie Luhmanns unter theoriestrategischen Gesichtspunkten vergleichend in den Blick zu nehmen. Eine dahingehende Arbeit stellt bis heute ein Desiderat dar, obwohl oder gerade weil erste Einzeluntersuchungen bezüglich der Begriffe Macht und Gewalt herausgestellt haben, daß die Konzepte Foucaults und Luhmanns durch wechselseitige Ergänzungspotentiale Synergieeffekte mit ersichtlichem methodologischen Mehrwert erzeugen können.

In Wahnsinn und Gesellschaft zeichnet Foucault die historische Entwicklung einer sich durch Ausschlußmechanismen konstituierenden protowissenschaftlichen Vernunft nach, die sich im weiteren Verlauf ihrer Genese in verschiedenen Wissensdisziplinen verfestigt. Auf den Innenraum verschiedener Disziplinen fokussiert (ohne dies reflexiv immer zu berücksichtigen) erarbeitet er in Die Ordnung der Dinge deren Strukturen und Mechanismen, rückbezogen auf die allen Disziplinen zugrundeliegende ›episteme‹, die sich in den von Foucault untersuchten Epochen an der jeweilig zugeschriebenen Zeichenfunktion festmacht. Als methodologischer Rahmen – in seiner konzeptionellen Präzision einmalig im Werk Foucaults – läßt sich die 1969 erschienene Archäologie des Wissens verstehen, in der Diskurse beschrieben werden als begrenzte Felder von Aussagen. Die Aussage wiederum wird definiert als Existenzfunktion sprachlicher Äußerungen, womit Foucault der Diskursanalyse bezogen auf Aussagen und hinsichtlich anderer Sprachanalyseraster eine Modalkategorie hinzufügt.

Drei Punkte sind mit Vorausblick auf Luhmann festzuhalten:

  1. In der Neuzeit bildet sich in der Gesellschaft ein Wissensdiskurs aus (intern nach Disziplinen differenziert), der sich durch Ausschluß alles anderen in sich selbst schließt durch rekursive Bezugnahme auf und Produktion neuer Wissen.
  2. Die Schließung des Wissensdiskurses beruht auf einer für alle wahrheitsfähige Wissen verbindlichen und grundlegenden episteme, einem für den Wissensdiskurs konstitutiven Möglichkeits- und damit auch Machbarkeitshorizont.
  3. Die Diskursanalyse schließt das Subjekt aus dem Untersuchungsbereich aus, das nurmehr als Funktionsstelle im Diskurs selbst plaziert wird. Die beiden Diskurskomponenten Performanz der Äußerung und Modalität der Existenz werden von Foucault gleichermaßen in der Aussage lokalisiert.

Foucaults Untersuchungen der Funktion von Literatur setzen nun genau an dieser Schließung und Separierung des Wissensdiskurses von anderen gesellschaftlichen Kontexten an, indem sie die Literatur im Raum seines Außen, des Ausgeschlossenen ansiedelt. Literatur fungiert als Gegendiskurs zum wahrheitskonditionalen Wissen und dessen institutionellen Exponaten, als Einbruch des ›wilden Außen‹ in den Diskursraum. Damit stellt Foucault eine fundamentale Verbindung her zwischen der Literatur und dem Wahnsinn[4] als Ausgeschlossenes der Vernunft, was ihm denn auch den Vorwurf der Einseitigkeit seiner Literaturbeispiele eingebracht hat, die sich weitestgehend auf Texte beschränken, deren Inhalt oder Autoren eine offenkundige Beziehung zum Wahnsinn unterhielten.

Ein weitaus tiefer greifender Kritikpunkt ergibt sich indes aus dem Fortschreiten der eigenen Arbeit Foucaults. Die Erweiterung seiner Analysen um die Machtthematik zum Macht-Wissen-Komplex führt Foucault zu dem Schluß, daß es kein Außen der Machtverhältnisse und in diesem Zug der mit ihnen verknüpften Wissensdiskurse geben könne. Zudem dränge sich aus machtkonzeptioneller Sicht die Frage auf, wie die Literatur als nicht-diskursiv und zugleich sich in den Regeln der Sprache bewegend zu denken sei und wie sich dies schließlich wiederum mit der konkreten Praxis etwa politischer Bewegungen verknüpfen lasse.[5] Damit wird die These von Literatur als Gegendiskurs ›aus dem off‹ hinfällig. Es mag sich denn auch hieraus erklären, daß Foucault seine literaturanalytischen Arbeiten mit Beginn der Thematisierung von Macht einstellt.

Im Übergang zur Diskussion der Arbeit Luhmanns sind zunächst analoge konzeptionelle Strategien auf allgemein theoretisch-methodologischer Ebene herauszustellen. Zwei im hier vorgestellten Kontext wichtige Parallelen können folgendermaßen umrissen werden:

  1. Sowohl Foucaults Diskursformationen als auch Luhmanns Kommunikationssysteme sind selbstreferentiell geschlossene Felder von im weitesten Sinn sprachlichen (oder sprachäquivalenten) Performanzen mit rein außerindividueller Referenz. Das Subjekt/Bewußtsein wird in die Umwelt des Diskurses bzw. der Kommunikation verlagert, nur letztere sind analytisch relevant.
  2. Als Basisreferenz dient bei Foucault die episteme und bei Luhmann die Gesellschaft, um von hier aus Diskursformationen bzw. Funktionssysteme unter dem Gesichtspunkt funktionaler Äquivalenz zu untersuchen. Der bedeutsamste Unterschied besteht darin, daß Foucault Diskurs mit Wissensdiskurs gleichsetzt – und die funktionale Äquivalenz lediglich mit Bezug auf die Binnendifferenzierung der Wissensdiskurse herausgearbeitet wird – und das Übrige als ›wildes‹, also ungeordnetes Außen betrachtet. Luhmann hingegen stellt die Selbst- und Ausschließungsmechanismen verschiedener Funktionsbereiche als jeweils eigene Ordnungsstruktur heraus.

Eine der fundamentalen Leistungen der Kunst resultiert für Luhmann nun aus der autopoietischen Schließung des Funktionssystems der Kunst. Durch Setzung einer primären Differenz schafft die Kunst im einzelnen Kunstwerk einen ›Rahmen‹, innerhalb dessen eine fiktionale Realität mit eigenen Ordnungsprinzipien entfaltet wird. Aus dieser – und nur aus dieser – Differenz heraus kann die Kunst eine ›reale‹ Wirklichkeit beobachten, die sich von der fiktiven unterscheidet.[6] Die Operationen der Gesellschaft können von der Kunst auf der Beobachtungsebene zweiter Ordnung als Medium in Anspruch genommen und solchermaßen auch kritisch beobachtet werden.

Auch bei Luhmann resultiert die kritische Funktion der Kunst und mithin der Literatur aus einer Position des Außerhalb, wobei in seinem Theoriekonzept allerdings das Außen in die Gesellschaft eingelagert ist. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft produziert mit der Kunst eine ›Sinnprovinz‹, die ihr als eingeschlossenes Ausgeschlossenes eine kritische Selbstbeschreibung ermöglicht, was mit einer Theorie autopoietisch geschlossener sozialer Systeme in konzeptioneller Stringenz begriffen werden kann. Zwar bewegt sich auch Foucault bereits analytisch in diese Richtung, er scheitert letztlich jedoch daran, Vernunft und Wahnsinn (den Diskurs und sein Außen) lediglich als Differenz und nicht als Einheit einer Differenz zu entwerfen.

Eine Arbeit wie die hier skizzierte könnte ein Zweifaches leisten: einerseits die noch ausstehende synthetisierende Korrelation der Ansätze Foucaults und Luhmanns und andererseits die Überführung der unvermittelten Standpunkte eines emphatischen Kritikbegriffs von Literatur und der marginalisierenden bis resignativen (und solchermaßen die ›l’art pour l’art‹ mißdeutenden) Einsicht in die Unmöglichkeit eines archimedischen Standorts von Kritik in ein theoriesicheres Konzept der Einheit von gesellschaftlichem Einschluß und zugleich Ausschluß der Literatur.

An das oben vorgestellte Unternehmen schließt sich freilich die grundlegende Frage an, wie dessen Ergebnisse aus dem Schlummer ihrer theoretischen Selbstgenügsamkeit zu wecken wären, um der sicher nicht unberechtigten Forderung Bourdieus zu begegnen nach

Theorien, die sich weniger von der rein theoretischen Rivalität mit anderen Theorien nähren als von der Konfrontation mit immer neuen empirischen Gegenständen; Begriffe[n], deren Funktion vor allem darin besteht, generative Schemata epistemologisch kontrollierter wissenschaftlicher Praktiken in stenographischer Kürze zu bezeichnen.[7]



Anmerkungen:

[1] Henk de Berg: Kunst kommt von Kunst. Die Luhmann-Rezeption in der Literatur- und Kunstwissenschaft. In: Rezeption und Reflexion. Zur Resonanz der Systemtheorie Niklas Luhmanns außerhalb der Soziologie. Hrsg. v. Henk de Berg und Johannes Schmidt. Frankfurt/M. 2000, S. 175–221, hier S. 213.

[2] Damit einher geht die Frage, ob eine Bestimmung des Literaturbegriffs möglich und sinnvoll sein kann. Es wäre zu überlegen, ob nicht der Literaturbegriff in seiner Verwendung – und sei er als ›unbestimmt‹ deklariert – nicht ein je schon bestimmter, also begriffener, ist.

[3] Hier also die kritische Option (im kantischen Sinne) auf der Theorieseite.

[4] Vgl. Gabriele Hundrieser: Überlegungen zu Macht und Gewalt in Heiner Müllers Lehrstücken Philoktet, Der Horatier und Mauser. In: Marek Zybura (Hrsg.): Geist und Macht. Schriftsteller und Staat im Mitteleuropa des »kurzen Jahrhunderts« 1918–1991. Dresden 2002, S. 287–308.

[5] Womit er sich in keiner schlechten Gesellschaft befindet, ist nämlich auch schon Cicero der Topos geläufig, »daß kein Dichter ohne inneres Feuer, keiner ohne einen gewissen Wahnsinn [furor] zu denken« sei. (Ein weiteres reizvolles Thema für eine ausgreifende historisch-semantische Untersuchung.)

[6] Vgl. Thomas Lemke: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität. Berlin, Hamburg 1997, S. 55f., Anm. 18.

[7] Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt/M. 2001, S. 285.


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