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Gespräch mit Justus Andrewski



Professor Andrewski, Sie haben kürzlich Ihr neuestes Buch »Das Schöne« vorgelegt. Der Untertitel »Programme wissenschaftlicher Wahrheit 1« verrät zum einen, daß dieser Untersuchung weitere folgen sollen. Zum anderen legen beide Titel nahe, daß Sie die wissenschaftliche Wahrheitsfindung anhand einer Kategorie analysieren, die traditionell dem Kunstbereich zugeordnet wird. Können Sie auf diesen Zusammenhang ein wenig näher eingehen?

Vielleicht erläutere ich zunächst den Untertitel. Die soziologische Forschung der vergangenen Jahre hat herausgestellt, daß die moderne Wissenschaft – deren Beginn etwa im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts veranschlagt wird – sich in ihren Operationen an einer Wahrheitscodierung orientiert. Mit anderen Worten: Eine wissenschaftliche Aussage wird letzthin durch das binäre Raster »wahr oder falsch« gesiebt und für anschlußfähig befunden oder eben auch nicht. Das ist an sich noch kein sonderlich aufregender Befund, wenngleich mit diesen Forschungen der gesellschaftliche Konstruktionscharakter wissenschaftlicher Wahrheit in bisher unerreichter Weise präzisiert und plausibilisiert wurde.
Interessant wird dieser soziologische Begriff des Codes erst mit seinem heuristischen Doppel: dem des Programms. Wenn ein Wissenschaftler eine Aussage auf ihre Wahrheit oder Falschheit hin prüft, braucht er hierfür einen Maßstab der Beurteilung – es bedarf eines Kriteriums (oder mehrerer) für die Zuweisung des einen oder des anderen Codewertes. Genau dies leistet ein Programm.
Es gibt natürlich eine Vielzahl solcher Programme. Theorien und Methoden spielen in der modernen Wissenschaft eine herausragende Rolle, aber es gibt da auch »Klassiker« wie das Postulat der Widerspruchsfreiheit.

Und Sie möchten nun, wie der Untertitel Ihres Buches in Aussicht stellt, nach und nach diese Programme aufschlüsseln und untersuchen?

Oh nein, das würde meinen Kräfte- und Zeithaushalt bei weitem übersteigen. Ich halte es aber auch aus der Perspektive meiner Arbeit für nicht notwendig. Die großen theoretisch-methodischen Denkgebäude der Moderne arbeiten immer auch reflexiv, sind selbst sowohl wissenschaftliche Arbeitskriterien als auch Gegenstand kritischer Diskussionen zugleich. Natürlich besitzen alle Ansätze ihre Schwächen und blinden Flecke, doch hier sorgt der diskursive Pluralismus für wechselseitige »Qualitätskontrolle«.
Was mich vielmehr interessiert, sind die Programme, die untergründig, gewissermaßen im Unbewußten der Wissenschaft wirken und in Opposition zu ihrem Selbstverhältnis als einer im weitesten Wortsinn logischen Welterschließung stehen.

Wie das Schöne?

Wie etwa das Schöne, genau. Hans Blumenberg beispielsweise hat mit seiner Metaphorologie einen wichtigen Weg gewiesen: Er zeigt auf, wie im Zentrum wissenschaftlichen Arbeitens bestimmte Metaphern die Erkenntnisgewinnung anleiten, die sich nicht auf genuin wissenschaftliche Begriffe reduzieren lassen. Er nennt sie »absolute Metaphern«. Damit führt Blumenberg vor Augen, daß der Fortgang der Wissenschaften sich – ganz im Gegensatz zu deren Selbstbeschreibung – nicht allein auf anerkannte Kriterien und Verfahren der Rationalität stützt.

Es läßt sich jedoch darüber streiten, ob zum Beispiel die Verwendung von Metaphern im akademischen Sprachgebrauch tatsächlich auf eine Ebene struktureller Irrationalität der Wissenschaft hinweist, auch wenn sie nicht durch adäquate Begriffe disponierbar scheint.

Das allein wäre natürlich ein wenig vage. Es lassen sich jedoch auch tiefergehende konzeptionelle Schwierigkeiten nachweisen, die aus einer nicht oder kaum reflektierten Programmatik erwachsen.

Können Sie ein Beispiel skizzieren, vielleicht mit Bezug auf das Programm des Schönen, damit wir uns nicht zu weit vom Thema entfernen?

Nehmen wir beispielsweise die Systemtheorie, der ich grundsätzlich in maßgeblichen Zügen folge.
Die Untersuchung der verschiedenen Funktionsbereiche der modernen Gesellschaft, wie Niklas Luhmann sie unternimmt, geht von einer funktionalen Äquivalenz dieser Bereiche – von ihm als »Subsysteme« bezeichnet – aus. Da er gezeigt hat, daß die verschiedenen Kommunikationsereiche der Gesellschaft binär codiert sind, muß er auch für die Kunst eine solche Leitdifferenz annehmen, die er in der Unterscheidung schön/häßlich gegeben sieht. Diese ist allerdings in mehrfacher Hinsicht problematisch.
Seit dem 19. Jahrhundert spielt die Ästhetik des Häßlichen eine bedeutende Rolle in der Kunst, und das keineswegs zwangsläufig als Negativfolie einer Ästhetik des Schönen, sondern als Komplementärkonzept gleichen Ranges. Man müßte die Leitunterscheidung schön/häßlich demnach weitgehend auf das 18. Jahrhundert beschränken, die entscheidende Phase der Ausdifferenzierung moderner Kunst und Wissenschaft also. Doch auch dann sind die konzeptionellen Schwierigkeiten nicht aus dem Weg geräumt. Natürlich trifft man in den Künstler-Schriften von der Aufklärung bis zur Romantik häufig auf den Begriff des Schönen, doch ich denke, man sollte ihn als ästhetische Konzeption nicht überbewerten. Er ist mindestens ebenso sehr ein Distinktionsbegriff, ein strategischer oder Kampfbegriff in Auseinandersetzung mit gesellschaftsstrukturellen Umbruchprozessen einerseits und mit der philosophischen Ästhetik andererseits. Und auch wenn sie das grundlegende Problem einer Codierung des Kunstbereichs damit nur verschoben haben, weisen verschiedene Forscher mit Recht darauf hin, daß andere fundamentale Unterscheidungen – wie beispielsweise die des Interessanten und des Langweiligen – ebenfalls von großer Bedeutung für die Kunst dieser Zeit waren.
Vielleicht sind hier die Ansätze treffender, die von der Festlegung eines Kunstcodes absehen. Ob das die Kunst im Umkehrschluß zur großen Sammel- und Aufbereitungsstelle der Codierungen aller andern Funktionsbereiche der Gesellschaft werden läßt, wäre dann eine andere Frage.

Bis hierher haben Sie aber nur gesagt, daß Luhmann mit seiner Kunstkozeption möglicherweise irrt, soweit es einen Code des Kunstbereichs betrifft. Auch wenn man zugesteht, daß es keinen Kunstcode gibt, sehe ich nicht, wie sich hieraus eine ästhetische Programmierung des wissenschaftlichen Ansatzes ableiten sollte.

Luhmann war sich der Schwierigkeiten seines Ansatzes sehr wohl bewußt. Im Fortgang seiner Arbeiten rückt er von der Codierung schön/häßlich zunehmend ab und ersetzt sie durch die flexiblere Unterscheidung passend/nicht-passend. Das Entscheidende ist nun nicht, daß er falsch liegen könnte, sondern warum er trotz offensichtlicher Inkonsistenzen an der Konzeption festhält.
Das zugrunde liegende Problem ist die erwähnte Basisannahme der funktionalen Äquivalenz gesellschaftlicher Funktionssysteme. Vereinfacht kann man sie folgendermaßen wiedergeben: Die Gesellschaft beinhaltet ein Anzahl von Subsystemen, die trotz verschiedener inhaltlicher Gehalte alle die gleiche Funktionsweise besitzen, nämlich die Orientierung an einer strukturgebenden Leitdifferenz.
Sie sehen, wo die Schwierigkeit liegt: Wenn man zugibt, daß ein Funktionsbereich nicht durch einen Binärcode strukturiert ist, gerät das zugrundeliegende Konzept der funktionalen Äquivalenz in Schräglage. Luhmann bietet ein Modell von perfekter Symmetrie, das es erlaubt, die Funktionalität aller Gesellschaftsbereiche in Beziehung zu setzen. Und um diese Symmetrie zu bewahren, muß die Kunst in diesem Konzept ihren Code finden, auch wenn die empirischen Befunde dagegen sprechen oder sich zumindest nicht nahtlos einfügen. Symmetrie ist jedoch keine logische oder rationale Kategorie, sondern eine ästhetische.

Und diesen Mechanismus sehen Sie auch anderswo arbeiten?

Das genannte Beispiel läßt sich seit Beginn der modernen Wissenschaft ähnlich verfolgen. Insbesondere der deutsche Idealismus hat ja immense Systemarchitekturen hervorgetrieben, in denen es von symmetrischen Konstrukten wimmelt. Es liegt nahe anzunehmen – und in meinem Buch habe ich den Versuch unternommen, diese Annahme zu erhärten –, daß hier gelegentlich die Stringenz des systematischen Aufbaus ein wenig aufgeweicht wurde um die »Harmonie« des Gedankengebäudes nicht zu stören.

Sie beziehen sich in Ihrer Arbeit zwar vorwiegend auf die Geistes- und Sozialwissenschaften, gehen aber gelegentlich ebenfalls auf die Naturwissenschaften ein. Das Programm des Schönen ist also in allen wissemschaftlichen Disziplinen zu finden.

Ich bin kein Naturwissenschaftler und kann daher keine kompetenten Aussagen zum Innenleben dieses Bereichs treffen. Ich habe mich hier auf die öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung der Naturwissenschaften beschränkt. Es ist auffällig, in wie vielen populärwissenschaftlichen Darstellungen – seien es eigenständige Publikationen oder feuilletonistische Beiträge – auf die Schönheit einer Formel, eines Modells hingewiesen wird. Und wenn beispielsweise der Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg die Frage, woran er die noch ausstehende »Weltformel« erkennen würde, mit dem Hinweis auf ihre notwendige Schönheit beantwortet, möchte man fast schon von einer Einheit von Wissenschaft und Mystizismus sprechen. Allerdings besteht eine große Divergenz zwischen solchen Aussagen und der formellen Hermetik der Naturwissenschaften, so daß es den entsprechenden Fachleuten zur Beurteilung überlassen bleibt, inwieweit Semantiken des Schönen tatsächlich in die naturwissenschaftliche Forschungsarbeit hineinspielen.

Wie sehen Ihre weiteren Arbeitsschritte aus, soweit sie sich jetzt schon absehen lassen?

Ich möchte in der Tat versuchen, weitere wissenschaftsprogrammatische Untersuchungen vorzulegen. Es läßt sich noch nicht exakt benennen, welche Richtungen dieses Vorhaben nehmen wird. Denkbar wäre die Analyse der Verschränkung wahrheitsfunktionaler und ethischer Aspekte, die mich persönlich jedoch weniger reizt. Ich könnte mir als nächstes zu untersuchendes Programm die Ernsthaftigkeit vorstellen.

Die Ernsthaftigkeit?

Ja, auch das wäre eine ethische Arbeit, jedoch nicht an der Ethik, sondern am Ethos. Sie besäße zwei Ebenen. Zum einen die habituelle Konstitution wie etwa die wohlbekannte (Selbst-)Inszenierung eines Akademikers von gemessener Würde und einem allenfalls leisen Humor. Dieser Zug des universitären Daseins hat durchaus nachweisbare Konsequenzen auf Personalstrukturen und damit die Inhalte im wissenschaftlichen Betrieb. Eine Studie von Joachim Jung (Der Niedergang der Vernunft; Anm. d. Red.) bietet hier einiges Anschauungsmaterial.
Zum anderen ist es frappierend, daß Denker vom Format eines Hegel oder Frege in ihren Arbeit an Punkte stoßen, an denen ihre Argumentation nicht mehr anders als durch den Verweis auf einen notwendigen Ernst zu halten ist: Die Ernsthaftigkeit einer Aussage entscheidet über ihren Wahrheitswert. Ich finde das in höchstem Maße irritierend, umso mehr, als es bisher offensichtlich in keiner Weise der Untersuchung für wert erachtet wurde.

In ihrem letzten Buch und offenbar auch in Ihren nun folgenden Arbeiten äußern sie fundamentale Kritikpunkte am Geschäft der Wissenschaft. Vielleicht können Sie uns zum Schluß ein wenig darüber verraten, welche Motivation hinter Ihren Arbeiten steht. Welche Konsequenzen lassen sich Ihrer Ansicht nach aus den Ergebnissen Ihrer Untersuchungen ziehen?

Wir erleben derzeit einen sehr weitreichenden Umbruch in der Wissensstruktur unserer Gesellschaft. Es kann längst nicht mehr die Rede sein von einer Wissenschaft, die als primärer Wissenshort das Licht ihrer Erkenntnis auf die übrige Gesellschaft leuchten läßt. Wissen wird in der heutigen Gesellschaft in horizontalen Organisationsstrukturen produziert und gespeichert, die alle Funktionsbereiche umfassen und übergreifen. Angesichts dieser Situation muß sich besonders die Wissenschaft neu positionieren.
Man kann es bedauern, daß die relative gesellschaftliche Bedeutung besonders der Geisteswissenschaften stetig abnimmt. Ich neige jedoch dazu, es eher als Gelegenheit zu betrachten, mich auf den Eigensinn der Denktätigkeit zurückzuziehen, ein philosophisches l’art pour l’rt, wenn Sie so möchten. Und natürlich will ich mich selbst nicht freisprechen von meinen Arbeitsergebnissen, im Gegenteil: Warum sollte man in der Wissenschaft nicht auch versuchen, etwas Schönes zu schaffen?

Das Gespräch führte Christian Fischer


Der Autor:
Justus Andrewski ist Professor für Theoriebildung der Gegenwart an der Universität zu Neuenhoven. Er promovierte 1992 mit einer Dissertation über bulgarische Exilphilosophie der Neuzeit und habilitierte sich 1997 mit der Arbeit Die Selbigkeit des Gleichen. Neue Ansätze zur Identitätsforschung.


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