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Das Lachen

Formen und Funktionen in Texten der
modernen Wissenschaft

Exposé zu einem hypothetischen Forschungsprojekt (Literaturstand: 2003)


Die größten Denker von Aristoteles an haben sich an der Lösung dieses winzigen Problems versucht, das einem, wenn man es fassen will, unter der Hand zerrinnt, verschwindet, gar nicht dagewesen ist und sich doch wieder aufwirft; eine unerhörte Herausforderung an den philosophischen Scharfsinn.
(Henri Bergson, Das Lachen)

Seit einigen Jahren beschäftigt sich inzwischen ein einschlägiger Bereich der medizinischen Forschung mit den therapeutischen Möglichkeiten des Lachens. Im geisteswissenschaftlichen Bereich, genauer in der Philosophie, lassen sich solche Bemühungen bereits mehr als hundert Jahre zuvor festmachen: bei Friedrich Nietzsche (1844–1900), der sich selbst – in stoischer Tradition – als Philosoph in der Funktion des Arztes seiner Zeit sieht. Eine seiner probatesten Medikationen ist die Heiterkeit, die Leichtigkeit, kurz: das Lachen.

Angesichts der bis heute erfolglosen Versuche, eine einsichtige Theorie des Lachens zu formulieren[1], möchte die im folgenden skizzierte Untersuchung einen bescheideneren Ansatz wählen: Sie wird den Formen und Funktionen des Lachens in einer Anzahl von Texten der modernen Wissenschaft nachgehen, wobei die Wissenschaft im folgenden als verkürzender Terminus für die besonders in der Philosophie geleistete erkenntnistheoretische Selbstbeschreibung der (Geistes-)Wissenschaften[2] stehen soll. Seinen Ausgang nimmt das Projekt bei der Arbeit Nietzsches, die unter dem Aspekt des Lachens einen bedeutsamen Einschnitt in der Geschichte der modernen Wissenschaft darstellt, und es wird seinen vorläufigen Endpunkt in aktuellen Überlegungen finden, die unter gesellschaftstheoretischen Prämissen scheinbar heterogene Konzepte wie ›Wissensgesellschaft‹, ›Systemrisiken‹ und ›Ironie‹ zusammenführen.


1. Theoretisch-methodologische Vorbemerkung

Als methodisches Fundament ohne sich ausschließlich hierauf festzulegen wird die vorgestellte Arbeit auf einige Ergebnisse und Konzepte der von Niklas Luhmann und im Anschluß an ihn entwickelten Theorie sozialer Systeme rekurrieren, ohne sich jedoch ausschließlich hierauf festzulegen.

Neben einer präzisen Terminologie bietet dieser Ansatz einerseits die Möglichkeit, theoriekonsistent allein auf Kommunikation abzustellen; es geht bei der Untersuchung des Lachens also um Themen von Texten, nicht um Befindlichkeiten und psychische Prozesse, auch wenn diese freilich wiederum Thema der Kommunikation sein können.[3] Andererseits sollen auf dieser Grundlage Zusammenhänge zwischen gesellschaftsstrukturellen Veränderungsprozessen in der Moderne und simultanen Veränderungen in der Semantik der Selbstbeschreibung der Wissenschaft korreliert werden.[4] Der zugrunde gelegte Begriff von Moderne bezieht sich dabei auf die Primärstruktur der Gesellschaft, deren Umstellung von einer ständischen zu einer funktional differenzierten sich etwa in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzieht.[5]


2. Das Projekt in Grundzügen

Die folgenden Abschnitte werden einen Teil des für das Projekt relevanten Materials vorstellen, womit die chronologische Struktur der Arbeit bereits umrissen ist. Darüber hinaus werden, wo dies schon in hinreichender Klarheit abzusehen ist, sich hieraus ergebende Ansätze und Anschlußfragen/-möglichkeiten formuliert.


a) Historische Semantik

Vor der Untersuchung des Lachens in Texten der modernen Wissenschaft ist es notwendig, die unterschiedlichen Begriffstraditionen von Lachen und Ironie bis ins 18. Jahrhundert herauszuarbeiten. Die Analyse des begrifflichen Umfelds – Komik, Humor, Vergnügen etc. – wird der Unterscheidung dieser beiden Primärbegriffe hinsichtlich Systematik und Wichtigkeit für die Arbeit nachgeordnet. Für die Geschichte der Begriffe Ironie und Lachen lassen sich folgende grundlegende Tendenzen feststellen:

Die Ironie speist sich seit ihren Wurzeln in der abendländischen Antike aus zwei Quellen, aus der Philosophie (habituelle Ironie) und der Rhetorik (stilistische Ironie), wobei die rhetorische Traditionslinie in der Folgezeit die einflußreichere darstellt.[6] Beide Quellen des Ironiebegriffs konvergieren indes darin, daß die Ironie stets eine Strategie der Rede bzw. des Texts war und daher – wenn auch als Akzidenz der wahren Rede gedacht – eng mit erkenntnistheoretischen Fragestellungen verknüpft ist.

Das Lachen hingegen wurde mit Sinnlichkeit und Körperlichkeit assoziiert und stand begrifflich Verstand/Vernunft antagonistisch gegenüber, weshalb es oft mit Konzepten von »Volkskultur« verknüpft wurde, um diese Unterscheidung als Distinktion zwischen Ober- und Unterschicht auszuweisen.[7] Diese Auffassung des Lachens läßt sich deutlich noch bei Kant nachweisen, der es insofern anerkennt, als er seine Funktion »in einem Gefühl der Beförderung des gesamten Lebens, mithin auch des körperlichen Wohlbefindens, d. i. der Gesundheit«[8] sieht – auch wenn an der Widersinnigkeit des Komischen »der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann«[9].


b) Die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit

Um die Genese der spezifisch wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit nachzuzeichnen, die später dann bei Nietzsche und anderen den Gegenbegriff und Referenzpunkt des Lachens darstellt, setzt die hier skizzierte Untersuchung vorklärend ein mit der Gegenüberstellung von Frühromantik und Idealismus unter den Aspekten Ironie und Ernst.

Friedrich Schlegel charakterisiert die (romantische) Ironie folgendermaßen: »In ihr soll alles Scherz und alles Ernst sein, alles treuherzig offen und alles tief versteckt.«[10] An dieser Charakterisierung sind zwei Punkte besonders hervorzuheben. Zum einen ist der Gegensatz des Ernstes nicht die Ironie, sondern der Scherz, das Spiel; die Ironie bildet mithin die Klammer dieser Gegensätze. Zum anderen erhält dadurch die Ironie eine paradoxe Form, die durch den zweiten Teil der Definition noch unterstrichen wird: Sie ist nicht einmal Ernst, ein anderes Mal Scherz, sondern sie ist ganz Ernst und Scherz in einem.

Am Beispiel Fichtes zeigt David Martyn nun, wie in der Zeit zwischen der Wissenschaftslehre und den Reden an die deutsche Nation in der Wissenschaft der ›Ernstdiskurs‹ den ›Ironiediskurs‹ zu überformen beginnt. Dies geschieht indes nicht dadurch, daß – wie der Problemaufriß Karl Heinz Bohrers nahelegen mag[11] – der Ironie schlicht der Ernst gegenübergestellt wird, sondern formal der Ernst ›entkoppelt‹ wird: Der (romantische) Ernst geht verloren an eine Ernsthaftigkeit, die sich nicht mehr in der Differenz zum Scherz entfaltet, sondern in einer pathetischen Form hypostasiert wird.[12] Diese Tendenz wird bei Hegel fortgeführt, wenn er den Romantikern einen Mangel an Ernst vorwirft, der für wissenschaftliche – und nach diesem Selbstverständnis: absolute und einzig wahre – Erkenntnis unerläßlich sei.[13] Nach dem oben Ausgeführten kann man jedoch ein wenig polemisch feststellen, daß nicht den Romantikern der Ernst, sondern den Idealisten der Scherz fehlt.

Es wäre noch eingehender zu überlegen, wie die beiden erörterten Formen des Ernstes begrifflich zu differenzieren wären. Die Unterscheidung Ernst/Ernsthaftigkeit könnte aufgrund vielfacher unreflektierter Verwendung beider Begriffe zu Schwierigkeiten führen. Aussichtsreicher erscheint hier ein Vorschlag Dirk Baeckers, zwischen einem sachbezogenen Ernst 1. Ordnung und einem differenzbasierten 2. Ordnung, der als »Spiel mit dritten Werten« gedacht wird, zu unterscheiden.[14]

Neben den erwähnten Punkten spielen in die Etablierung des Ernstdiskurses in der Wissenschaft freilich noch andere Aspekte hinein, die in der geplanten Arbeit näher erläutert werden müssen, wie etwa die Verzahnung von Historismus und Nationalismus als »geschichtsphilosophische Beglaubigung des Ernstdiskurses«[15] oder symptomatisch die Verknüpfung des Ernstbegriffs mit Zügen des Theologisch-Erhabenen bei Hegel u. a.[16] Ein weiteres wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist die habituelle Ernsthaftigkeit des seit dem 18. Jahrhundert aufstrebenden Bürgertums, anhand derer sich Kreuzungspunkte von gesellschaftsstrukturellen Entwicklungen und Semantiken von Wissenschaft (und Kunst) beispielhaft aufzeigen lassen.[17]

Ohne hier auf die weitere Entwicklung der konstitutiven Ernsthaftigkeit der Wissenschaft eingehen zu können, ist es bemerkenswert, daß sich Hegels Postulat der Ernsthaftigkeit – und ebenfalls in Auseinandersetzung mit Dichtung – rund hundert Jahre später bei Gottlob Frege unter anderen erkenntnistheoretischen Prämissen, aber mit analoger Argumentation wiederfindet: Zwar könne auch Dichtungssprache formal wahre Sätze formulieren, aber zur letztendlichen Wahrheitsfähigkeit fehle der »dazu nötige Ernst«[18]. In weniger auffälligen Parallelen lassen sich solche Haltungen bis in die heutige Zeit nachweisen, etwa in dem symptomatischen Erstaunen, das Heinz Schlaffer zu Beginn seiner Arbeit Poesie und Wissen zum Ausdruck bringt:

Lange schon war ich an den Geschäften der Literaturwissenschaft beteiligt, ehe ich mich darüber zu verwundern begann, daß es Institutionen und Personen gibt, die den Auftrag haben, über etwas so Unernstes wie die Erfindungen der Dichter, über Fiktionen also, ernsthaft nachzudenken.[19]

Als erste Arbeitshypothese bezüglich der Ernsthaftigkeit kann nach all dem formuliert werden, daß diese in der modernen Wissenschaft, auch wenn sie auf bestimmte ältere Vorbilder aristokratischer, später nationalistischer und insbesondere klerikaler Provenienz zu rekurrieren scheint, spezifische heuristische Funktionen in Hinblick auf ihren Wahrheitsanspruch besitzt und eng an genuin wissenschaftliche Ordnungsvorstellungen geknüpft ist. Dabei rückt sie in den gegebenen Beispielen funktional in die Nähe des systemtheoretischen Programmbegriffs, eines Kriteriums also für die Zuweisung von Codewerten – im Fall der Wissenschaft: wahr/falsch.[20]


c) Das Lachen

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wird der ernsthafte Wissenschaftsdiskurs[21] in seiner Sicherheit erschüttert durch die Arbeit Friedrich Nietzsches, der von einem Ort und in einer Sprache, die den akademischen Gepflogenheiten fern liegen, gegen Historismus, transzendentale Aprioris und allgemein gegen den ›großen Ernst‹ zu Felde zieht. Dabei vollzieht sich diese Wirkung in zwei Richtungen: zum einen wissenschaftsextern in der künstlerischen Rezeption während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, zum anderen wissenschaftsintern vor allem in poststrukturalistischen Arbeiten seit den 1960er Jahren. Während es zahlreiche Ansätze zur Erläuterung der Ironie im Werk Nietzsches gibt[22], möchte ich indes eine andere Spur verfolgen: Nicht die Ironie, sondern das Lachen soll im Zentrum der Untersuchung Nietzsches stehen, was nicht zuletzt durch den auffallend häufigen Gebrauch des Terminus motiviert wird (allein mehr als 60 Mal im Zarathustra!).

Der Standpunkt, von dem aus Nietzsche den wissenschaftlichen Ernstdiskurs angreift, ist der – von Schopenhauers Willensbegriff inaugurierte – Begriff des Lebens. Die damit assoziierbaren Termini ›Körperlichkeit‹ und ›Sinnlichkeit‹, die bereits in der traditionellen Form der Konzepte des Lachens enthalten sind, scheinen hier darauf zu verweisen, daß Nietzsche auf ein Außen des Wissenschaftsdiskurses zielt, und dies in zweifacher Weise: Er stellt sich (nicht nur biographisch) außerhalb des akademischen Wissenshortes und läßt zugleich seine eigene Form der Wissenschaft über sich hinausweisen. Anstatt sich in die Codes der Wissenschaft einzuschreiben und solchermaßen eine immanente Kritik zu betreiben, bildet das asignifikante Lachen eine Überschreitung der Grenzen des Wissenschaftsdiskurses.[23] (Wenn sich Nietzsche damit wiederum in Paradoxien verstrickt – etwa die, seine Unzeitgemäßheit zeitgemäß präsentieren zu müssen, um anschlußfähig zu bleiben[24] –, wäre hier nun möglicherweise die Einlaßstelle, um nach formalen Aspekten von Ironie zu fragen.)

Der um 1900 entstandene Band Das Lachen von Henri Bergson geht ebenfalls vom Begriff des ›Lebens‹ aus, um die Wirkungen des Komischen und des Lachens zu analysieren. Hierbei ist bemerkenswert, daß das Lachen trotz der zugrundeliegenden Kategorie des Lebens als intellektuelle und ausschließlich soziale Tätigkeit begriffen wird. Ausgehend davon, daß es das wesentlichste Gesetz des Lebens sei, flexibel zu bleiben und sich nie wiederholen zu dürfen, sieht Bergson die Wirkung des Komischen in Formen, in denen sich das Leben in mechanischer Starrheit präsentiert, und das Lachen bildet gleichsam die Strafe für diese Verkrustung des Lebendigen.[25]

Als drittes Beispiel für eine exponierte Beschäftigung mit dem Lachen im Kontext wissenschaftlicher Tätigkeit soll der Surrealismus sowie seine Wertschätzung und ›theoretische‹ Ausarbeitung des »Schwarzen Humors« genannt werden.[26] Zwar handelt es sich bei den theoretischen Bemühungen der Surrealisten nicht um wissenschaftliche Texte, allerdings lassen sich bedeutsame Parallelen zur Romantik aufzeigen, etwa in dem Versuch, künstlerische Leistungen und wissenschaftliche Erkenntnisse in einer gemeinsamen Form konvergieren zu lassen. Zudem ist die Bedeutung des Surrealismus für die poststrukturalistische Theoriebildung zu betonen.

Als gemeinsame Tendenz dieser Beispiele läßt sich für die Analyse grob die kritische Haltung gegenüber einer sich in der Neuzeit und in spezieller Ausprägung seit der Aufklärung absolut setzenden Vernunft festhalten. In dieser Richtung dürfte in Anknüpfung an seine Theorie des Unbewußten auch Sigmund Freuds Beschäftigung mit dem Witz und dem Humor gelesen werden[27]; desgleichen später Odo Marquardt, wenn er aus skeptizistischer Perspektive der Kritischen Theorie vorwirft, dem (ernsthaften) Aufklärungsdiskurs durch eigene Formen diesbezüglicher Erstarrung erlegen zu sein.[28]


d) Poststrukturalismus und ironische Theorien

In den Texten der französischen Postrukturalisten ist der Terminus des Lachens, im Gegensatz zu Texten ihrer deutschen Zeitgenossen, auffallend häufig und an exponierten Stellen zu finden.[29] Bekanntestes Beispiel dürfte in diesem Zusammenhang Michel Foucaults Ordnung der Dinge sein, die folgendermaßen beginnt: »Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt […]«[30]. Ohne hier bereits tieferliegende Zusammenhänge oder gar Thesen vorstellen zu können, sollen exemplarisch einige Autoren und Themen genannt werden, die in einem – wenn auch oft gebrochenen – Verhältnis zu bereits genannten Punkten und Traditionslinien stehen. Dabei muß an dieser Stelle auch auf eine differenzierte Betrachtung der Begriffe &rsaqup;Lachen‹ und ›Ironie‹ verzichtet werden, da sich das Begriffsverhältnis in diesen Arbeiten nicht mehr so klar darstellt wie in den bisher angeführten Texten: Eine genaue Analyse der beiden Begriffe und ihres Verhältnisses zueinander in wissenschaftlichen Texten der Gegenwart wird eines der Hauptanliegen des skizzierten Projekts sein.

So arbeitet beispielsweise Gilles Deleuze eine Theorie des Sinn heraus, die auf der paradoxen Form von Sinn fußt, und bemerkenswerterweise – oder auch: ironischerweise – formuliert er seine Theorie in steter Auseinandersetzung mit den Nonsense-Dichtungen Lewis Carrolls.[31] Auch die Beschäftigung mit Bergson und Nietzsche führt Deleuze immer wieder zum Lachen und zur Ironie.[32]

Neben Foucault, für den sich etliche einschlägige Passagen nachweisen lassen, und Deleuze sind besonders die Arbeiten Jean Baudrillards hervorzuheben. Stärker noch als die zuvor Genannten greift Baudrillard die literarische Tradition des Surrealismus auf und unterläuft auf dieser Grundlage stets aufs neue die Vorgaben einer ernsthaften traditionellen Wissenschaft, etwa wenn er gegen das ›Realitätsprinzip‹ polemisiert[33] oder seine eigenen Arbeiten als »Theorie-Fiktion« deklariert[34]. Bis zum heutigen Tag darf Baudrillards widerspruchsvolles und oft widersprochenes Werk wohl als die konsequenteste ironische Theorie gelten.

Im Bereich neuester Theoriebildung ist unter dem Aspekt ›ironische Theorie‹ auch und nicht zuletzt die schon eingeführte Systemtheorie Niklas Luhmanns zu nennen. Die Ironie Luhmanns – viel konstatiert, aber noch nicht wissenschaftlich untersucht – dürfte nicht zuletzt mit dem Umstand zusammenhängen, daß seine Theorie wesentlich auf entfalteten Paradoxien fußt, so etwa auf der dem Formkonzept als Einheit einer Differenz oder auf ›Sinn‹ als unhintergehbarem Medium von Bewußtseins- und Kommunikationsoperationen, das in seiner Differenz von Aktualität und Potentialität stets auch schon Form ist.[35]

Eine aktuelle Tendenz wird im vorgestellten Projekt besonderes Augenmerk finden: Für den ebenfalls systemtheoretisch orientierten Soziologen Helmut Willke ergibt sich das Postulat einer ironischen Haltung aus der Form des Wissens in der heutigen Wissensgesellschaft. Ihm zufolge hat Wissen nicht mehr die traditionelle Form von Wissen/Glauben bzw. später Wissen/Machen (Theorie/Praxis), sondern Wissen/Nichtwissen. Auch diese Form ist eine Paradoxie, und kann nur in der Zeit, nämlich einer ungewissen Zukunft entfaltet werden. Willke zeigt am Beispiel der Wirtschaft, wie das kompakte Nichtwissen bezüglich der Entwicklung immer komplexerer Kapitalmärkte durch bestimmte Instrumente in kleinere Einheiten des Nichtwissens dekomponiert wird, mit denen Systemrisiken überschaubarer werden und besser zu handhaben sind.[36] Mit Rekurs auf die Arbeit Richard Rortys[37] fordert Willke in Hinsicht des Umgangs mit Systemrisiken eine ironische Haltung, die angesichts der Unhintergehbarkeit des Nichtwissens neue Formen des Umgangs mit diesem generiert.[38] Weiterhin stellt er unter dieser Maßgabe die (vorerst unbeantwortete) Frage nach der Rolle der Wissenschaft in einer Gesellschaft, in der die Produktion und Distribution dieser neuen Form des Wissens zunehmend quer zu den Funktionsbereichen in organisationalen Strukturen stattfindet und Wissenschaft somit nicht länger als der privilegierte Ort des Wissens betrachtet werden kann.

Insofern dieses Arbeitsprojekt eine kritische Auseinandersetzung mit dem »eigenen Geschäft« sein möchte, besitzt die Frage nach der heutigen Stellung von Wissenschaft in der Gesellschaft eine doppelt gesteigerte Relevanz: zum einen hinsichtlich ihrer Selbstbeschreibung (Zielsetzungen, Organisation, ›Systemrationalität‹ etc.) und zum anderen in bezug auf ihre innergesellschaftliche Umwelt, d. h. insbesondere die Bereiche Politik und Wirtschaft. Daß der Umweg über dem Themenkomplex Lachen–Ernsthaftigkeit–Ironie zwar zunächst ein wenig abgelegen, aber gerade deshalb für eine neue Perspektive um so fruchtbarer erscheint, hoffe ich in den bisherigen Abschnitten im Ansatz plausibel gemacht zu haben.


e) Anmerkung zum Projektentwurf

Angesichts des bisher Gesagten mag eingewandt werden, daß wichtige Arbeiten zum Thema nicht aufgeführt sind. Man denke etwa an Kierkegaards Dissertation zur sokratischen Ironie, die Anmerkungen zum Lachen in der Dialektik der Aufklärung, die Arbeiten Helmuth Plessners zum Lachen etc. Auch harrt der vor kurzem erschienene Merkur-Sonderband Lachen. Über westliche Zivilisation, der sich besonders hinsichtlich der Bedeutung des Lachens für die westliche Kultur »in einem aktuellen politisch-historischen Licht«[39] mit diesem Phänomen auseinandersetzt, noch seiner Auswertung, wie auch eine ganze Reihe anderer, nicht erwähnter Sekundärliteratur.

Es schien mir indes für die vorliegende Projektskizze geraten – nicht zuletzt in Hinblick auf die Lesbarkeit –, auf einige unter Auslassung anderer Beispiele etwas ausführlicher einzugehen, anstatt den Text durch eine übergroße Fülle an oder eine bloße Reihung von Material unnötig zu belasten.


3. Wozu Germanistik?[40]

Die bisherigen Ausführungen mögen die Frage nahelegen, weshalb das vorgestellte Projekt in der Germanistik und nicht etwa in der Philosophie oder eventuell der Soziologie angesiedelt wird. Neben dem eigenen Studienschwerpunkt und der simplen Tatsache, daß der disziplinären Verortung einer interdisziplinären Arbeit notwendig eine Restwillkür anhaftet, sprechen für diese Entscheidung verschiedene Gründe, von denen ich hier nur einen betonen möchte:

Wie im Verlauf des dargestellten Vorhabens zu zeigen sein wird, lassen sich gerade mit Hinblick auf Ernsthaftigkeit, Ironie und Lachen in der Philosophie enge Wechselwirkungen zwischen Kunst/ Literatur und Wissenschaft beobachten. Hegels Ernsthaftigkeitsethos der Wahrheit wird, wie erwähnt, formuliert in Auseinandersetzung mit den Romantikern, Nietzsches Denken findet zeitlebens in der Kunst Wagners Anziehungs- und Abstoßungspunkte, Freges Vorstellung von Wissenschaftssprache wird an verschiedenen Stellen mit denen von Dichtungssprache konfrontiert, der Einfluß des Surrealismus auf den Poststrukturalismus ist unübersehbar etc. Es kann angenommen werden, daß die Ästhetik als Schnittstelle von Kunst/Literatur und Wissenschaft/Philosophie sich als besonders ergiebiges Untersuchungsfeld für das vorgestellte Projekt erweist.[41]


Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu etwa die allgemein einführenden Abschnitte von Manfred Pfister: Inszenierungen des Lachens im Theater der Neuzeit. In: Erika Fischer-Lichte, Anne Fleig (Hrsgg.): Körper-Inszenierungen. Präsenz und kultureller Wandel. Tübingen 2000, S. 35–54.

[2] Auch wenn besonders die analytische Philosophie dies anders sehen möchte, erscheinen ihre Einflußmöglichkeiten auf die Naturwissenschaften verhältnismäßig geringfügig – sofern sie nicht den Umweg über politische Regulationsmechanismen nehmen –, vergleicht man sie mit der ungebrochenen (positiven wie negativen) Präsenz philosophischer Erkenntnistheorien in den verschiedenen Disziplinen der Geisteswissenschaft.

[3] Vgl. hierzu in Kürze Niklas Luhmann: Was ist Kommunikation? In: ders.: Aufsätze und Reden. Stuttgart 2001, S. 94–110. Analog verwende ich auch Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Frankfurt/M. 1981.

[4] Zu dieser Terminologie vgl. bes. Niklas Luhmann: Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition. In: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 1. Frankfurt/M. (2)1998, S. 9–71.

[5] Vgl. hierzu ausführlich ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bde. Frankfurt/M. 1997.

[6] Vgl. materialreich Wilhelm Büchner: Über den Begriff der Eironeia. In: Hermes. Zeitschrift für klassische Philologie 76 (1941), H. 1, S. 339&ndsh;358.

[7] Zu volkskulturellen Aspekten vgl. in einigen Zügen bis heute grundlegend Michail Bachtin: Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Frankfurt/M. (2)1998; eine Fülle interessanter Details bietet etwa auch Norbert Schindler: Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit. Frankfurt/M. 1992. Vgl. allgemein auch div. Beiträge in Jan Bremmer, Herman Roodenburg (Hrsg.): Kulturgeschichte des Humors. Von der Antike bis heute. Darmstadt 1999.

[8] Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt/M. (3)1997, S. 270. (= Werkausgabe Bd. X)

[9] Ebd., S. 273.

[10] Zit. nach Friedrich Schlegel: Über die Unverständlichkeit. In: ders.: Werke in zwei Bänden. Bd. 2., S. 199–211, hier S. 206.

[11] Vgl. Karl Heinz Bohrer: Sprachen der Ironie – Sprachen des Ernstes. Das Problem. In: ders. (Hrsg.): Sprachen der Ironie – Sprachen des Ernstes. Frankfurt/M. 2000, S. 11–35.

[12] Vgl. David Martyn: Fichtes romantischer Ernst. In: Bohrer (Hrsg.), a. a. O., S. 76–90.

[13] Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik I. Frankfurt/M. 1986 (= Werke, Bd. 13), S. 93ff.

[14] Vgl. Dirk Baecker: Ernste Kommunikation. In: Bohrer (Hrsg.), a. a. O., S. 393–403.

[15] Bohrer, in: ders. (Hrsg.), a. a. O., S. 27.

[16] Vgl. ebd., S. 29ff.

[17] Zum Aufstieg des Bürgertums unter Berücksichtigung beider genannten Perspektiven Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bde. Frankfurt/M. 1997. Vgl. auch am Beispiel des bürgerlichen Künstlers im 19. Jahrhundert Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt/M. 2001.

[18] Vgl. Gottlob Frege: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung. In: ders.: Logische Untersuchungen. Göttingen (4)1993, S. 30–53, hier S. 36.

[19] Heinz Schlaffer: Poesie und Wissen. Die Entstehung des ästhetischen Bewußtseins und der philologischen Erkenntnis. Frankfurt/M. 1990, S. 7.

[20] Vgl. zur Terminologie speziell Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. (3)1998, Kap. 4. Als heuristische Analogie wäre hier etwa auch an die Funktion der &rsaqup;absoluten Metapher&lsaqup; zu denken, die Blumenberg für die Wissenschaft beschreibt; vgl. in Kürze die Einleitung zu Hans Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie. Frankfurt/M. (2)1999.

[21] Entgegen der heute meist undifferenzierten Verwendung des Diskursbegriffs wird soll er hier durchaus im strengeren Sinn von ›Diskursformation‹ verstanden werden; vgl. hierzu Foucault, Archäologie des Wissens, a. a. O., bes. S. 156.

[22] Vgl. beispielsweise Karl Heinz Bohrer: Nietzsches Aufklärung als Theorie der Ironie. In: ders. (Hrsg.), a. a. O., S. 283–305; auch die größere Arbeit von Tarmo Kunnas: Nietzsches Lachen. Eine Studie über das Komische in Nietzsches Werken. München 1982, ist weitgehend auf die Ironie zentriert.

[23] Vgl. Gilles Deleuze: Nietzsche. Ein Lesebuch. Berlin 1979, bes. S. 116f.

[24] Vgl. Nachwort zu Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. München 1999, S. 411–416 (= KSA Bd. 4).

[25] Vgl. Henri Bergson: Das Lachen. Jena 1914.

[26] Vgl. hierzu besonders André Breton: Anthologie des schwarzen Humors. S. l. 2001.

[27] Vgl. Siegmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. In: ders.: Studienausgabe Band IV: Psychologische Schriften. Frankfurt/M., S. 13–219, sowie ders.: Der Humor. In: Ebd., S. 277–282.

[28] Vgl. Odo Marquardt: Exile der Heiterkeit. In: ders.: Aesthetica und Anaesthetica. Philosophische Überlegungen. Paderborn et al. 1989, S. 47–63

[29] Dieser Befund bildete im übrigen den Anstoß zu dem hier skizzierten Projekt.

[30] Vgl. Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt/M. (15)1999.

[31] Vgl. Gilles Deleuze: Logik des Sinns. Frankfurt/M. 1993.

[32] Vgl. ders., Nietzsche, a. a. O., sowie ders.: Henri Bergson zur Einführung. Hamburg (3)2001.

[33] Vgl. etwa Jean Baudrillard: Oublier Foucault. München (3)1983, bes. S. 56; zur analogen Position des Surrealismus vgl. André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924). In: ders.: Die Manifeste des Surrealismus. Reinbek (9)1986, S. 11–43, hier S. 12ff.

[34] Vgl. beispielsweise Jean Baudrillard: Die oberflächlichen Abgründe. In: ders.: Laßt euch nicht verführen! Berlin 1983, S. 35–52.

[35] Mit der Paradoxie findet sich eine besonders intensive Auseinandersetzung in Niklas Luhmann: Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt/M. 2000.

[36] Helmut Willke: Dystopia. Studien zur Krisis der modernen Wissensgesellschaft. Frankfurt/M. 2002, bes. Kap 2.

[37] Gemeint ist Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt/M. 1992.

[38] Vgl. für den Bereich der Politik auch Helmut Willke: Ironie des Staates. Grundlinien einer Staatstheorie polyzentrischer Gesellschaft. Frankfurt/M. 1996.

[39] Vorwort von Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 56 (2002), H. 9/10, S. 741f.

[40] Die an Adorno angelehnte Frage verschärfte in dieser Formulierung eines der Kernprobleme in einem von mir besuchten Hauptseminar zur Geschichte der Germanistik. Es wäre nach meiner Einschätzung ein lukrativer Nebenertrag des hier vorgestellten Projekts, eine Antwort (von verschiedenen möglichen) auf diese Frage formulieren zu können.

[41] Hier nun verläßt die Arbeit auch die Systemtheorie Luhmanns, die, wenngleich mit wachsendem Unbehagen, in der Ästhetik die Codierung des Kunstsystems sieht; die sich hieran anschließende Forschungsdebatte um den Kunstcode ist dokumentiert in Oliver Sill: Literatur in der funktional differenzierten Gesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven auf ein komplexes Phänomen. Opladen 2001.


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