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Über die Unmöglichkeit,
sich für Philosophie zu interessieren


Mehr noch als in der öffentlichen Diskussion – etwa anläßlich der »Leitkultur«-Debatte vor einiger Zeit – erfreut sich der Kultur-Begriff im geisteswissenschaftlichen Betrieb seit den 1990er Jahren anhaltender und noch zunehmender Beliebtheit. Am Rand dieser Entwicklung findet auch die tradierte und bis heute unzureichend geklärte Differenz von Hochkultur und Populärkultur gelegentlich ihre Beachtung, wenn auch die Populärkultur oft nur als Abstoßungspunkt einer hochkulturellen Wert-Schätzung in der Theoriegestaltung fungiert. Tatsächlich braucht man sich umgekehrt nur im eigenen nicht-akademischen Bekanntenkreis umzuhören, um auf beharrliches Unverständnis zu stoßen, was den Wert der Beschäftigung mit philosophischen Texten betrifft. Trägt man nun die akademische Nase nicht allzu hoch und nimmt dieses mangelnde Interesse ernst, muß man sich fragen, welche Gründe und Schwierigkeiten sich hierfür finden lassen, denn der intellektuellen Redlichkeit stünde es gut an, dieser Gegebenheit nicht von vornherein ihre Berechtigung abzusprechen.

Das erste große Mißverständnis bezüglich philosophischer Texte, in dem eine Vielzahl von Problemen wurzelt, liegt in dem allgemeinen Verständnis der Philosophie als einer »Kunst des Gedankens« begründet. Die Vorstellung des Philosophen, der in stiller Einkehr sein Leben fristet und allerlei Gedanken gebiert, ist nach wie vor verbreitet. Tatsächlich aber führt wohl in dieser Ansicht von Philosophie die Genieästhetik eines ihrer letzten Rückzugsgefechte. Während es keineswegs verwundert, daß etwa der Literaturwissenschaftler sein Geschäft mit ausgiebiger Lektüre bestreitet – und seine Tätigkeit ohne zumindest rudimentäre Kenntnis seines Arbeitsmaterials unverständlich bleibt –, glaubt man bei der Lektüre philosophischer Texte auf den Spuren eines Geistes wandeln zu müssen, dem zu folgen ein gleichsam empathisches Gespür erfordert.

Doch mehr noch als in den (beinahe) rein kommentierenden Disziplinen findet man sich im philosophischen Geschäft auf einer Baustelle der Schrift wieder. Keine Aussage, die nicht auf den Vorarbeiten anderer Texte fußt. Das Philosophieren ist, auch und gerade wenn es sich als ›lebensnah‹ geriert, zum größten Teil Sedimentierung emsiger Lektürearbeit. Denn schließlich ist – ungeachtet der erkenntnistheoretischen Ausprägung und Inanspruchnahme – die Philosophie die Arbeit am Begriff oder, etwas zeitgenössischer formuliert: »die Kunst der Bildung, Erfindung, Herstellung von Begriffen«[1]. Daß Begriffe nicht aus heiterem Himmel geboren werden, gleichsam als göttliche inventio des Philosophen, bedarf keiner Erläuterung.

Philosophie ist also weniger das Spiel des Gedankens als vielmehr – und hierin unterscheidet sie sich nicht von der Literatur – die Arbeit an und in der Schrift. Hierin liegt nun auch eine der wesentlichen Schwierigkeiten des philosophisch unbelasteten Lesers, und das heißt hier allein: des mit anderen philosophischen Texten wenig Vertrauten. Nicht in das ins Bewußtsein des Denkers eingeschlossene Geheimnis des »Gemeinten« muß der Leser eindringen (was schon insofern unmöglich ist, als er es mit einem Buch, nicht mit dem Philosophen zu tun hat!), sondern in den Zwischenraum, den der Begriff eröffnet. Als Transpirationselement hat dieser nicht die Bedeutung seiner Herkunft, auch wenn er auf sie hindeutet, und zugleich nicht die, welche vom Philosophen behauptet wird. Sie entfaltet sich in der wechselseitigen Erhellung des Wortes und seiner Spuren. In diesem Sinn läßt sich vom Begriff sagen, was Roland Barthes über das Zeichen äußert: »Das Zeichen ist ein Riß, der sich stets nur auf dem Gesicht eines anderen Zeichens öffnet.«[2] Der philosophische Text als Arbeit des Begriffs erhellt sich somit nur aus der Fluchtbewegung, in der er seiner Herkunft zu entkommen trachtet, und der Schwerkraft traditioneller Semantiken, von denen er stets aufs neue zurückgeholt wird.

Es darf daher nicht verwundern, daß der ambitionierte Laie sein Interesse rasch wieder anderen Dingen zuwendet, denn schließlich ist ohne Rückgriff auf zutiefst kontingente Prämissen – die man mit Recht von sich weisen kann – die Mühe der philosophischen Arbeit nicht zu rechtfertigen. Mithin ist es nicht zuletzt der Faktor Zeit, der davor zurückschrecken läßt, sich ein zureichendes und doch nie befriedigendes Reservoir an textuellem »Hintergrundrauschen« anzueignen, das zur Lektüre oder gar Anschlußarbeit in oben beschriebener Weise befähigt. (Besonders aus diesem Grund muß die gegenwärtige Tendenz zur Studienzeitverkürzung Anlaß zur Sorge um die künftige Qualität geisteswissenschaftlicher Studiengänge geben.)

Es ließen sich viele triftige Gründe angeben, die zur Beschäftigung mit Philosophie Anreiz bieten, von den schmalen institutionellen Möglichkeiten angefangen bis hin zur garantiert erschöpfenden Ausfüllung der Freizeit. Motivationen in Richtung einer »Wahrheitssuche« oder gar der Dignität philosophischen Denkens sollten indes beizeiten mit ein wenig Wirklichkeitssinn unterfüttert werden, bevor die Enttäuschung den interessierten Adepten das Weite suchen läßt.


Anmerkungen:

[1] Gilles Deleuze, Félix Guattari: Was ist Philosophie? Frankfurt/M. 2000, S. 6.

[2] Roland Barthes: Das Reich der Zeichen. Frankfurt/M. 1981, S. 76.


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