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Überschreitungen im Hohlraum

Beckett und Breton


Ausgangspunkt der folgenden Überlegung ist der Beginn eines Gedichts, das sich im Ersten Manifest des Surrealismus findet:

Ein Auflachen
von Saphir auf der Insel Ceylon

Das schönste Stroh
hat welke Haut
wohl verriegelt
[1]

Das ganze Gedicht bildet eine Collage von Ausschnitten aus Zeitungsüberschriften, doch das ist nicht wesentlich. In der Wahl formaler und stilistischer Mittel sind die Surrealisten nicht wählerisch. Alles ist erlaubt, keine Gestaltungsweise besitzt einen größeren Wert als die andere, wenn sie nur der Programmatik folgt. Was aber ist im surrealistischen Gedicht die fundierende Technik, die sich in den verschiedenen Stilelementen manifestiert?

Das genannte Gedicht weist eine Zusammensetzung der Komposition (des surrealistischen Bildes) aus heterogenen Elementen auf, deren Beziehung willkürlich und zufällig ist. Nur noch auf der Ebene des Signifikanten tauschen sich die Wörter, verführen einander und finden doch ober- oder unterhalb ihrer selbst niemals zusammen.

Die gleiche Strategie läßt sich, so die These, nun mit anderem Richtungsvektor auch – aber nicht allein, sondern in der Fülle ihrer Anschaulichkeit – in dem Gedicht neither von Beckett wiederfinden:

hin und her vom innern zum äußern Schatten

vom unergründlichen Selbst zum unergründlichen Nichtselbst
weder so noch so

wie zwischen zwei erleuchteten Zufluchten deren Türen beim Nähern
sacht sich schließen, beim Abwenden
sacht sich wieder öffnen

gesandt her und hin und abgewandt

ungeachtet den Weg, bedacht auf den einen Schimmer
oder den andern

ungehörte Schritte einziger Laut

bis zuletzt einhalten für immer, fort für immer
vom Selbst und dem andern

dann kein Laut

dann sachtes Licht unverlöschlich auf jenem unbedachten
weder noch

unsprechbares Zuhause
[2]

Das Gedicht treibt das Sprechen zwischen seine eigenen Antinomien, läßt es pendeln zwischen seinen Gegensätzen, beschleunigt die Oszillation vom einen zum anderen, bis die Fluchtgeschwindigkeit den Punkt erreicht, an dem das sprechende Subjekt in seiner Bewegung innehält – und verstummt, um im Nicht-Sprechen schließlich nach Hause zu finden.

Beide Texte bilden eine Grenzerfahrung des analytisch denkenden und sprechenden Verstandes, des »Geistes«, wenn man so möchte, und seiner konstitutiven Verfahrensweise: der Setzung von (hierarchischen) Oppositionen, Differenzen. Inmitten der disparaten Wörter öffnet sich ein Spalt, in den das Subjekt hineingezogen wird und in dem die Orientierung verliert, sich löst. Die Ordnungsschemata des rationalen Denkens – die begriffliche Macht dessen, was gewußt wird (werden darf) oder nicht – werden zersetzt durch eine Distanz zwischen den Wörtern, die das erkennende Subjekt nicht überbrücken, durch einen Hohlraum, den der Verstand nicht füllen kann.[3]

In der Raumdimension bei Breton, in der Zeitdimension bei Beckett ist es diese unüberwindliche Entfernung der Wörter zueinander und deren Unterminierung des Verstands, die erst den Erfahrungshorizont einer neuen Subjektivität eröffnet. »Eine Erfahrung ist etwas, aus dem man verändert hervorgeht«[4], schreibt Michel Foucault. Das Subjekt wird durch die Texte Bretons und Becketts herausgefordert, sich selbst zu überschreiten, ein anderes zu werden – oder an ihnen zu scheitern. Die Chiffre der irreversiblen Erfahrung aber, der Tod, ist nicht das Scheitern, das Verharren in den vordergründig apriorischen Verstandeskategorien, sondern die Überschreitung selbst.


Anmerkungen:

[1] André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924). In: ders.: Die Manifeste des Surrealismus. Reinbek (9)1996, S. 11–43, hier S. 38.

[2] Zit. nach Friedhelm Rathjen: Beckett zur Einführung. Hamburg 1995, S. 37f.

[3] Zu diesem Ansatz bezüglich Breton vgl. Michel Foucault: Er war ein Schwimmer zwischen zwei Worten. Gespräch mit C. Bonnefoy. In: ders.: Dits et Ecrits. Schriften 1. Frankfurt/M. 2001, S. 714–718.

[4] Michel Foucault: Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio Trombadori. Mit einem Vorwort von Wilhelm Schmid. Mit einer Bibliographie von Andrea Hemminger. Frankfurt/M. (2)1997, S. 24.


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